Wermutströpfchen
Ein schöner Sommer in Steinhude
Leserbrief vom 11. August 2003 (Wurde von der örtlichen Presse nicht veröffentlicht, da sich die Stadt Wunstorf geäußert habe, jeder Gastronom könne ja seine Außenkonzession verlängern…)
Ein schöner Sommer in Steinhude, besser könnte er gar nicht sein. Die Sonne scheint, die Algen im Meer sind verschwunden und alle Ferienwohnungen sind belegt. Die beste Gelegenheit um im Freien zu sitzen, zu essen und zu trinken, wenn da nur nicht die eingeschränkten Außenkonzessionen der Gastronomiebetriebe wären. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Kontrolliert wird von der Exekutive in diesem Sommer ganz besonders intensiv und um 22 Uhr haben Urlaubsgäste und Steinhuder in Biergärten und gastronomischen Außenanlagen nichts mehr zu suchen. Schade, bei fast 40 Grad Celsius am Tag halte ich es um 22 Uhr ja erst draußen aus, ohne zu schwitzen. Die Gastronomiebesitzer können sicher nichts für diese Auflage der Behörden (die ja wenigstens in diesem Sommer einmal beide Augen zudrücken könnten) und stoßen oft auf Unverständnis ihrer Gäste, die natürlich auch nicht mehr wiederkommen werden. Wer es gewohnt ist, im Ausland in seinem wohlverdienten Urlaub den Abend bei einem Glas Bier oder Wein zu genießen, muß sich hier illusorisch nach 22 Uhr folgende Frage stellen: „Krieg ich nun noch was zu trinken oder nicht oder muß ich reingehen?“ und man merkt, wir sind in Deutschland und es ist ein schöner Sommer, besser könnte er gar nicht sein.
Im Sommer 2003 wurden die Außenbereiche der Gastronomiebetriebe besonders intensiv kontrolliert. Nach den damaligen Vorgaben war für viele Betriebe um 22 Uhr Schluss. Urlaubsgäste und Steinhuder mussten ihre Plätze in Biergärten und anderen gastronomischen Außenanlagen räumen.
Für mich war das bei einem außergewöhnlich heißen Sommer schwer nachvollziehbar. Bei Temperaturen von fast 40 Grad Celsius am Tag begann für mich die angenehme Zeit im Freien schließlich erst am späten Abend. Gerade dann wollte man noch draußen sitzen, etwas essen, ein Bier oder ein Glas Wein trinken und den Tag ausklingen lassen.
Die Gastronomiebesitzer konnten für die damaligen behördlichen Vorgaben letztlich wenig. Gleichzeitig mussten sie den Unmut ihrer Gäste auffangen. Wer seinen Urlaub aus dem Ausland kennt und es gewohnt ist, dort auch spätabends noch gemütlich im Freien zu sitzen, konnte sich durchaus fragen: „Bekomme ich jetzt noch etwas zu trinken oder muss ich hineingehen?“
Die Stadt Wunstorf verwies seinerzeit darauf, dass die Gastronomen ihre Außenkonzession entsprechend verlängern lassen könnten. Ob und unter welchen Voraussetzungen dies tatsächlich möglich war, war für die einzelnen Betriebe allerdings eine andere Frage.
Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, hat sich die rechtliche und tatsächliche Situation verändert. Außengastronomie ist in Steinhude weiterhin möglich und wird von der Stadt entsprechend geregelt. Eine allgemeingültige Regel, wonach sämtliche Außengastronomie in Steinhude grundsätzlich um 22 Uhr beendet werden muss, lässt sich aus den heutigen Regelungen nicht ableiten. Je nach Betrieb, Außenfläche und Genehmigung können jedoch weiterhin unterschiedliche Vorgaben gelten, insbesondere dort, wo es um Lärm und die Nutzung öffentlicher Flächen geht.
Der Leserbrief von 2003 ist deshalb vor allem ein Stück Zeitgeschichte. Er erinnert an einen besonders heißen Sommer und an einen Konflikt, der im Kern bis heute interessant geblieben ist: Wie viel Rücksicht auf Anwohner und öffentliche Belange ist notwendig – und wie viel Freiraum sollte Gästen und Gastronomen an einem schönen Sommerabend bleiben?
Damals jedenfalls blieb bei fast 40 Grad am Tag vor allem ein Gedanke: Ein schöner Sommer in Steinhude – besser hätte er gar nicht sein können.