Die Geschichte der Pizza

Von der einfachen Fladenbrot-Speise zum weltweiten Lieblingsgericht

Kaum ein Gericht ist so selbstverständlich geworden wie die Pizza. Ob knusprig aus dem Holzofen, tiefgekühlt aus dem Backofen oder als schneller Snack auf die Hand – Pizza gehört heute zum kulinarischen Alltag rund um den Globus. Ihre Geschichte begann allerdings nicht mit einer berühmten Köchin, einem genialen Erfinder oder einem ganz bestimmten Rezept. Vielmehr ist sie das Ergebnis einer langen Entwicklung, an der viele Kulturen und Generationen beteiligt waren.


Woher kommt eigentlich das Wort „Pizza“?

Schon beim Namen wird es interessant. Die Bezeichnung „pizza“ ist deutlich älter als die moderne Pizza, die wir heute kennen. Schriftliche Belege für Formen des Wortes reichen bis ins 10. Jahrhundert zurück. Eine frühe Erwähnung findet sich bereits im Jahr 966 in Neapel, eine weitere 997 in Gaeta.

Woher das Wort ursprünglich stammt, ist allerdings bis heute nicht endgültig geklärt. Diskutiert werden unter anderem germanische Wurzeln wie bizzo oder pizzo im Sinne von „Bissen“, „Stück“ oder „Brotstück“, aber auch Verbindungen zu mediterranen und griechischen Begriffen wie pitta. Die oft erzählte Erklärung, das Wort habe ursprünglich einen „Druck“ oder „Ruck“ bezeichnet und sich auf die Bewegung des Pizzabäckers bezogen, ist dagegen nicht wissenschaftlich abgesichert.


Die Pizza wurde nicht an einem einzigen Tag erfunden

Es wäre natürlich eine schöne Geschichte, wenn man einen Namen und ein Datum nennen könnte: Luigi Campagneri formt im Jahr 1788 einen runden Teigfladen, belegt ihn mit Tomaten, Käse und Basilikum – und die Pizza ist erfunden. Nur leider stimmt das so nicht.

Die Vorfahren der Pizza sind viel älter. Schon in der Antike wurden in verschiedenen Regionen rund um das Mittelmeer einfache Fladen aus Getreide, Wasser und anderen Zutaten gebacken. Solche Fladen gab es in unterschiedlichen Formen und unter unterschiedlichen Namen. Von einem einzigen „Urrezept“ der Pizza kann deshalb keine Rede sein. Auch die häufig erzählte direkte Entwicklung Etrusker → Griechen → Römer → Pizza ist eher eine schöne Erzählung als eine historisch nachweisbare Entstehungslinie. Sicher ist: Fladenbrote und belegte Teigwaren haben eine sehr lange Geschichte und bilden den kulturellen Hintergrund, aus dem sich später viele unterschiedliche Gerichte entwickelten – darunter auch die Pizza.

Die eigentliche Entwicklung der Pizza, wie wir sie heute verstehen, lässt sich besonders gut nach Neapel und Kampanien verfolgen. Dort wurden flache Teigfladen spätestens seit dem 17. und 18. Jahrhundert zu einem beliebten, günstigen Essen der einfachen Bevölkerung. In Neapel entstanden nach und nach spezialisierte Verkaufsstellen, an denen die Pizza hergestellt und direkt verkauft wurde.


Und dann kam die Tomate

Ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der Pizza war die Ankunft der Tomate aus Amerika. Nach der Entdeckung Amerikas gelangte die Tomate im 16. Jahrhundert nach Europa. Begeistert war man zunächst allerdings nicht. Die Pflanze wurde vielerorts vor allem als Zierpflanze betrachtet, und teilweise herrschte die Vorstellung, ihre Früchte seien giftig. In Süditalien entwickelte sich die Sache anders. Gerade bei der einfachen Bevölkerung fand die Tomate zunehmend ihren Weg in die Küche. Die Kombination aus Teig, Tomate, Öl und verschiedenen weiteren Zutaten war preiswert, sättigend und unkompliziert.

Damit begann sich die Pizza langsam von einem einfachen Fladenbrot zu dem Gericht zu entwickeln, das wir heute damit verbinden. In Neapel wurde Pizza zu einem typischen Streetfood. Sie war günstig, wurde auf der Straße verkauft und war vor allem für Menschen interessant, die sich kein aufwendiges Essen leisten konnten. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden dort immer mehr Orte, an denen Pizza hergestellt und verkauft wurde.


1830: Die erste Pizzeria?

Eine wichtige Station ist das Jahr 1830. In Neapel wurde die Antica Pizzeria Port’Alba als Pizzeria eröffnet. Allerdings bedeutet das nicht, dass dort erstmals Pizza verkauft wurde. Pizza wurde in Neapel bereits lange vorher von Straßenhändlern und Bäckern angeboten.

Die Entwicklung von der einfachen Straßenmahlzeit zum festen gastronomischen Angebot hatte damit längst begonnen. Die Pizza blieb zunächst vor allem eine Spezialität Neapels. Außerhalb der Stadt und insbesondere außerhalb Italiens war sie noch weitgehend unbekannt.


Die berühmteste Pizza der Welt: die Margherita

Dann kommt eine der bekanntesten Geschichten der Pizza. Im Jahr 1889 sollen König Umberto I. und seine Frau, Königin Margherita, während ihres Aufenthalts in Neapel Pizza probieren wollen. Der Pizzabäcker Raffaele Esposito soll daraufhin mehrere Varianten zubereitet haben. Eine davon bestand aus Tomaten, Mozzarella und Basilikum – also aus den Farben Rot, Weiß und Grün der italienischen Nationalflagge. Der Königin soll diese Variante besonders gut gefallen haben. Ihr zu Ehren sei sie anschließend Pizza Margherita genannt worden.

So schön die Geschichte klingt, sollte man sie heute etwas vorsichtiger erzählen. Die Episode ist seit Langem Teil der Pizza-Geschichte, doch einzelne Details – insbesondere die berühmte Geschichte vom Besuch der Königin und die Entstehung des Namens – sind historisch nicht in allen Punkten zweifelsfrei belegt. Fest steht jedoch, dass die Kombination aus Tomate, Mozzarella und Basilikum längst zu den wichtigsten Symbolen der neapolitanischen Pizza geworden ist.


Von Neapel nach Amerika

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert begann die Pizza mit den italienischen Auswanderern ihre Reise in die Welt. Besonders in den Vereinigten Staaten entstand eine große italienische Gemeinschaft, die ihre Esskultur mitbrachte. In New York eröffnete 1905 mit Lombardi’s die erste häufig als solche bezeichnete Pizzeria der USA. Doch auch in Amerika blieb die Pizza nicht unverändert. Andere Zutaten, größere Portionen und neue Zubereitungsarten führten zu regionalen Varianten.

Eine besonders berühmte entstand in Chicago. 1943 eröffnete dort die Pizzeria Uno und machte die sogenannte Deep-Dish-Pizza populär – eine wesentlich dickere Pizza, die eher an eine herzhafte Tarte erinnert als an die flache neapolitanische Variante. Damit begann die Pizza endgültig, sich von einer regionalen Spezialität zu einem internationalen Gericht zu entwickeln.


1952: Die Pizza kommt nach Deutschland

Auch Deutschland musste nicht mehr lange warten. Am 24. März 1952 eröffnete Nicolino di Camillo in der Würzburger Elefantengasse sein Lokal. Es trug zunächst den Namen „Sabbie di Capri“, später wurde es vor allem als „Capri“ beziehungsweise „Blaue Grotte“ bekannt. Es gilt als die erste Pizzeria Deutschlands. Die ersten Gäste waren vor allem amerikanische Soldaten, die Pizza bereits aus den USA kannten und das bis dahin in Deutschland weitgehend unbekannte Gericht vermissten. Für die meisten Deutschen war Pizza zu dieser Zeit noch etwas Exotisches.

Di Camillo und seine Frau Janina machten deshalb nicht nur Pizza, sondern mussten den Würzburgern zunächst erklären, was dieses ungewöhnliche runde Gericht überhaupt war. Sogar kostenlose Pizza-Aktionen wurden veranstaltet, um die neue Speise bekannter zu machen. Damit begann auch in Deutschland eine Entwicklung, die heute kaum noch vorstellbar ist: Aus einem fremden Gericht wurde innerhalb weniger Jahrzehnte ein fester Bestandteil der deutschen Esskultur.


Von der Pizzeria in die Tiefkühltruhe

Der nächste große Schritt war die industrielle Herstellung. Bereits in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren wurden in den USA Tiefkühlpizzen angeboten. Ein wichtiger Meilenstein war 1957, als die Celentano Brothers eine tiefgekühlte Pizza für den amerikanischen Markt national vermarkteten. Sie waren damit nicht zwingend die allerersten Anbieter von Tiefkühlpizza überhaupt – lokale Produkte gab es bereits vorher -, gehörten aber zu den Unternehmen, die daraus ein größeres Geschäft machten. Die Pizza war damit endgültig nicht mehr auf die Pizzeria angewiesen. Sie konnte nun zu Hause im eigenen Backofen zubereitet werden.

In Deutschland dauerte es noch etwas länger: 1970 brachte Dr. Oetker seine erste Tiefkühlpizza auf den deutschen Markt. Damit begann auch hierzulande der Siegeszug der Pizza aus der Gefriertruhe. Von der neapolitanischen Spezialität zum Weltgericht Heute gibt es Pizza praktisch überall. Die klassische neapolitanische Pizza steht neben amerikanischer Deep-Dish-Pizza, deutscher Tiefkühlpizza, italienischen Gourmetvarianten und zahllosen regionalen Eigenkreationen. Es gibt Pizza mit wenigen Zutaten und Pizza mit Belägen, die ein Neapolitaner vermutlich nur mit einem Kopfschütteln betrachten würde. Gerade darin liegt aber vielleicht das Geheimnis ihres Erfolgs.

Pizza ist einfach genug, um überall verstanden zu werden, und gleichzeitig vielseitig genug, um sich an unterschiedliche Geschmäcker, Zutaten und Esskulturen anzupassen. Aus einem einfachen Fladenbrot wurde so ein weltweites Kultgericht.

Und vielleicht ist genau das die spannendste Geschichte an der Pizza: Sie wurde nicht von einer einzigen Person erfunden. Sie wurde über Jahrhunderte von vielen Menschen weiterentwickelt, bis aus einem einfachen Stück Teig eines der bekanntesten Gerichte der Welt wurde.

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