Steinhuder Pilsener
Steinhuder Biergenuss
Am 21.Oktober 1477 verlieh Graf Erich seinen lewen getruwen und undersaten, den van der Stenhude einen freien Ratskeller. Wann man mit dem Bau wirklich begann, wie er aussah und wie lange der erste Ratskeller stand, ist unbekannt.

1559 wurde das Bierbrauen in den Dörfern verboten. Amtmann Klenke aus Stadthagen stellte im gräflichen Auftrag fest, wie viele Brauer es im Ampte Hagenborg gab. Nur im Keller von Hagenburg und Steinhude wurde selbst gebraut, der „Kroger von Heythorne“ braue nicht selbst, so teilte er dem Grafen mit. Auch die „Krüger“ sollten nicht mehr selbst brauen. Es gab auch einen vereidigten Gersteneinkäufer für die Brauer. Das Brauhaus hinten am Ratskeller war schon lange baufällig und die Regierung hatte mit unangenehmen Verfügungen gedroht, falls keine Besserung einträte.
In dem über 200 Jahre alten Ratskellergebäude wurden neben dem Bierausschank auch Ratssitzungen, Schat- und Bürgertage abgehalten und er besaß auch eine Arrestzelle. Am 5. Mai 1864 wurde beschlossen den alten Keller abzureißen und neu zu bauen.

Der Neubau des Brauhauses wurde 1863 vom Pächter D. Schweer in Betrieb genommen. 1880 übernahm die Familie Rössler die Brauerei. Im gleichen Jahr wurde ein neuer Eiskeller gebaut. Bekannt in der Seeprovinz waren „Steinhuder Gold“, „Steinhuder Pilsener“ und zur Weihnachtszeit das Bockbier. Nach Rössler folgte 1913 Wesch.
1917 ging es mit der Brauerei zu Ende. 1920 kaufte Heinrich Heidemann die Brauerei- Gaststätte. Aus den Zwanzigern wird von einer Kegelbahn berichtet. Bis über die Mitte der Fünfziger wurden noch die Eiskeller benutzt. 1958 sprengte der THW den 23 Meter hohen Schornstein der Brauerei. Bis 1975 war der jetzige Eigentümer der Brauerei-Gaststätte Heinrich Heidemann auch öffentlich bestellter „Wäger“ der Fahrzeugwaage vor dem Gebäude.

Bis Ende der 50 er Jahre gehörte das „Eisen“ zum gewohnten Bild in Steinhude. Die Brauereien, die Lindener, die Städtische und die Schaumburger ließen den Eiskeller in der Braustrasse mit Steinhuder-Meer-Eis füllen, um auch im Sommer kühles Bier anbieten zu können. Elektrische Kühlanlagen setzten sich erst nach und nach durch.
Zehn bis elf Tage dauerte es, dann hatte die Schaumburger Brauerei ihren Keller voll. Den Transport für diese Brauerei besorgten die Landwirte Behling „Meier Dirk“, Kelb und Rödemeier.
Buchquelle: „Steinhude …bevor die Fremden kamen“ von Rudi Diersche
Biergenuss am Steinhuder Meer
Zwischen Biergarten, Fischgericht und Sonnenuntergang
Ein kühles Bier gehört für viele zu einem Sommertag am Steinhuder Meer ebenso selbstverständlich wie ein Spaziergang am Wasser oder ein Fischbrötchen zwischendurch. Dabei wird Bier hier längst nicht nur in klassischen Kneipen getrunken. Typischer für die Region sind Terrassen, Biergärten und Restaurants, in denen sich das Getränk mit dem Blick aufs Meer und der regionalen Küche verbindet.
Biergärten direkt am Wasser in Steinhude
Besonders nah kommt man dieser Kombination in Steinhude.
Der Kranenborgh Biergarten liegt unmittelbar am Steinhuder Meer. Unter altem Baumbestand sitzen hier bis zu 350 Gäste im Biergarten mit Blick auf das Wasser. Gerade an warmen Nachmittagen und Abenden steht weniger das große Menü als das klassische Biergartengefühl im Mittelpunkt: draußen sitzen, etwas essen, ein kühles Getränk bestellen und den Tag am Meer ausklingen lassen.
Nur wenige Schritte entfernt befindet sich mit dem Biergarten Planke 138 eine weitere unkomplizierte Adresse für Bier und Getränke nahe der Steinhuder Promenade.
Auch die Strandterrassen Steinhude verbinden Restaurant, Terrasse und einen Biergarten direkt am Bootsanleger. Der Sonnenuntergang über dem Wasser gehört dort gewissermaßen zum Getränk dazu.

Und die Bierauswahl zeigt, dass „ein Bier“ längst nicht nur Pils bedeuten muss. Auf der veröffentlichten Getränkekarte der Strandterrassen finden sich unter anderem Fürstenberg Pilsener, Rupp Bräu Pilsener und Rupp Bräu dunkel, außerdem Hacker-Pschorr Weizen, Paulaner Weizen, alkoholfreie Varianten und Berliner Weiße.
Echte Kneipenkultur gibt es in Steinhude noch
Neben Restaurants, Terrassen und Biergärten besitzt Steinhude auch noch etwas, das in vielen Orten längst seltener geworden ist: richtige Kneipen.
Das Filou – Die Kneipe in der Bleichenstraße ist seit Anfang der 1980er-Jahre ein Treffpunkt für Steinhuder und Gäste. Hier stehen weniger Speisekarte und Ausflugsgastronomie im Mittelpunkt als das, was eine klassische Kneipe ausmacht: ein gepflegt gezapftes Pils, kleine Snacks, Gespräche am Tresen und eine persönliche Atmosphäre. Im Winter wird es am Kamin gemütlich, im Sommer gibt es einen überdachten Außenbereich. Eine Besonderheit des Filou sind außerdem die regelmäßigen kleinen Konzerte auf der kleinsten Bühne der Welt. Folk, Rock, Blues, Pop und Funk haben der Kneipe über die Jahre einen Ruf als ungewöhnlich kleine, aber lebendige Musikbühne eingebracht.
Noch maritimer und familiärer wird es im Seemannsgarn im Gasthaus Kehrwieder. Schon die Einrichtung macht deutlich, wo man sich befindet: Steuerrad, Schiffsmodelle und Erinnerungsstücke schaffen den Charakter einer traditionellen Seemannskneipe. Das Gasthaus Kehrwieder selbst besteht bereits seit 1929; im heutigen Seemannsgarn wird diese Geschichte mit klassischer Eckkneipenatmosphäre verbunden. Im Ausschank finden sich unter anderem Astra, Veltins, Maisel’s Weisse und Schlappeseppel, dazu Korn, Longdrinks und weitere Getränke.
Dabei geht es im Seemannsgarn ausdrücklich nicht nur ums Trinken. Einheimische und Urlaubsgäste sitzen miteinander, es wird geklönt, Musik gemacht und gelegentlich gefeiert. Zum Programm gehören unter anderem Shantys, Folk- und Kneipenmusik; sonntags beginnt der traditionelle Frühschoppen bereits am Vormittag. Die Kneipe beschreibt sich selbst treffend als Mischung aus Eckkneipe, guter Stube und ein wenig Heimatmuseum.
Damit zeigen Filou und Seemannsgarn eine andere Seite des Biergenusses am Steinhuder Meer. Hier ist das Bier nicht in erster Linie die Begleitung zu einem Essen oder die Erfrischung nach einer Fahrradtour. Man geht auch einfach auf ein Bier in die Kneipe.
Bier gehört auch zum Essen
Natürlich muss es nicht immer der klassische Biergarten sein.
In traditionsreichen Restaurants wie dem Schweers-Harms-Fischerhus gehört Bier ebenso selbstverständlich zur Getränkebegleitung wie Wein oder alkoholfreie Getränke. Gerade zu deftiger deutscher Küche, Fisch, Bratkartoffeln oder einem herzhaften Abendessen greifen viele Gäste gern zum Pils oder zu einer dunkleren Biersorte. Das Fischerhus selbst steht für deutsche und regionale Küche im altniedersächsischen Ambiente.
Je nach Gericht kann dabei auch die Biersorte einen Unterschied machen. Ein herbes Pils passt gut zu gebratenem oder paniertem Fisch, während ein Kellerbier oder dunkles Bier mit malzigeren Noten besonders gut zu kräftigeren Speisen harmonieren kann. Ein Weizenbier wiederum ist meist etwas milder und fruchtiger und wird gerade an warmen Tagen gern getrunken.
Und wer auf Alkohol verzichten möchte, muss inzwischen längst nicht mehr beim Wasser landen: alkoholfreies Pils und alkoholfreies Weizen gehören in vielen Häusern selbstverständlich zur Auswahl.
Mardorf: Bierpause nach Radtour und Uferweg
Auf der Nordseite des Steinhuder Meeres hat der Biergenuss einen etwas anderen Charakter. Mardorf ist geprägt von seiner langen Uferpromenade, Fahrradtouren, Campingplätzen und Ausflugsgastronomie. Entsprechend ist das Bier hier oft die wohlverdiente Pause nach einigen Kilometern zu Fuß oder auf dem Fahrrad.
Das Fischerstübchen Mardorf liegt direkt am Uferweg und besitzt Restaurant und Terrasse mit Blick auf das Steinhuder Meer. Die aktuelle Getränkekarte zeigt eine für die Region typische Mischung verschiedener Bierstile: König Pilsener, Köstritzer dunkel, Köstritzer Kellerbier und Benediktiner, dazu Alsterwasser und alkoholfreies Benediktiner.
Wer es rustikaler mag, findet mit der Alte Moorhütte ein klassisches Ausflugslokal im Grünen. Biergarten, deutsche Küche und die Lage nahe den Rad- und Wanderwegen machen die Moorhütte zu einem typischen Zwischenstopp am Nordufer.
Auch die Alte Schmiede Mardorf verbindet Fischgerichte und eine unkomplizierte Biergartenatmosphäre. Gerade Fischbrötchen, Backfisch oder Bratkartoffeln und ein kühles Bier gehören hier zu jener Art von Gastronomie, die hervorragend zu einem Ausflugstag am Meer passt.
Etwas weiter im Mardorfer Ortskern zeigt Krüger’s Cafe und Restaurant, dass Bier nicht nur ein Getränk für klassische Biergärten ist. Das Haus versteht sich als Gastronomie für die Nachbarschaft und lädt ausdrücklich auch Gäste ein, die lediglich auf ein Bier oder einen Drink vorbeikommen möchten. Dazu gibt es bodenständige, saisonale und regionale Küche.
Pils, Kellerbier, Weizen oder dunkel?
Wer rund ums Steinhuder Meer ein Bier bestellt, trifft vor allem auf die bekannten deutschen Bierstile.
- Pils ist der Klassiker: hell, schlank und meist deutlich hopfenbetont.
- Kellerbier ist häufig etwas malziger, vollmundiger und weniger scharf gefiltert.
- Dunkles Bier bringt stärkere Röst- und Malzaromen mit.
- Weizenbier schmeckt meist fruchtiger und weicher.
- Alster oder Radler verbindet Bier mit Zitronenlimonade und ist besonders im Sommer beliebt.
Daneben unterscheiden sich die angebotenen Marken von Restaurant zu Restaurant. Gerade deshalb lohnt ein Blick auf die jeweilige Getränkekarte: Zwischen Fürstenberg, Rupp Bräu, König Pilsener, Köstritzer, Benediktiner oder verschiedenen Weizenbieren ist die Auswahl rund ums Meer abwechslungsreicher, als ein schlichtes „Ein Pils, bitte“ vermuten lässt.
Ein Bier gehört manchmal einfach zum Ausflug
Vielleicht ist das ohnehin das Besondere am Biergenuss am Steinhuder Meer.

Es geht nicht unbedingt darum, möglichst außergewöhnliche Biere zu finden. Oft ist es der Ort, der aus einem einfachen Getränk einen schönen Moment macht.
- Ein Pils auf der Terrasse nach dem Fischessen.
- Ein Kellerbier nach einer Fahrradtour am Mardorfer Ufer.
- Ein Alster im Biergarten an einem heißen Nachmittag.
- Oder ein alkoholfreies Weizen mit Blick auf die Segelboote.
Das Bier bleibt dasselbe. Nur schmeckt es mit dem Steinhuder Meer vor Augen manchmal ein bisschen besser.
Vom Anstoßen, Absetzen, Prost und „Mit Gunst“
Von Trinkbräuchen, alten Geschichten und einer besonderen Steinhuder Tradition
Ein Glas wird erhoben, man schaut sich an, stößt miteinander an und sagt „Prost“. Was heute beinahe automatisch geschieht, ist Teil einer langen Trinkkultur voller regionaler Bräuche, Regeln und Geschichten.
Und wie das bei alten Traditionen so ist, lässt sich nicht immer eindeutig sagen, wo die Geschichte endet und die Kneipenlegende beginnt.
Warum stoßen wir eigentlich an?
Eine der bekanntesten Geschichten führt das Anstoßen ins Mittelalter zurück. Damals, so erzählt man sich, habe die Angst vor vergifteten Getränken eine große Rolle gespielt. Deshalb seien die Bierkrüge so kräftig gegeneinandergeschlagen worden, dass etwas vom Inhalt in das Gefäß des Gegenübers schwappte. Wer anschließend ohne Zögern mittrank, bewies damit gewissermaßen: In meinem Krug ist nichts, was ich nicht auch selbst trinken würde.

Dass Menschen tatsächlich Angst vor Vergiftungen hatten, ist keine Erfindung. Ob daraus allerdings unser heutiges Anstoßen entstand, lässt sich nicht nachweisen. Selbst für den Beginn des Brauchs gibt es unterschiedliche Erklärungen. Die Geschichte vom überschwappenden Gift gehört deshalb eher in die Kategorie: durchaus vorstellbar, oft erzählt, aber nicht bewiesen.
Anstoßen erfüllt dafür bis heute eine Funktion, für die wir keine mittelalterlichen Giftmischer brauchen: Es schafft einen gemeinsamen Moment. Bevor getrunken wird, richtet sich die Aufmerksamkeit für einen Augenblick auf die anderen am Tisch.
„Prost“ bedeutet eigentlich „Es möge nützen“
Selbst unser alltägliches „Prost“ hat eine kleine Geschichte. Das Wort geht auf das lateinische „prosit“ zurück und bedeutet sinngemäß „Es möge nützen“ oder „Es möge zuträglich sein“. Aus dem „Prosit“ entwickelte sich im alltäglichen Sprachgebrauch schließlich das kürzere „Prost“.
Eigentlich wünschen wir unserem Gegenüber beim Anstoßen also nicht einfach nur einen angenehmen Schluck, sondern gewissermaßen: Möge es dir bekommen. Spätestens bei der dritten oder vierten Runde darf über die medizinische Belastbarkeit dieses Wunsches allerdings durchaus diskutiert werden.
In Steinhude hieß es: „Mit Gunst!“
Eine ganz eigene Form des Zutrinkens findet sich in der Geschichte Steinhudes. Beim traditionellen Fischerkreidag gehörte das gemeinsame Trinken fest zum Fischermahl und zur alten Zeremonie der Steinhuder Fischer.
Der Kreidag selbst war ursprünglich weit mehr als ein Volksfest. Bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts schlossen sich die Steinhuder Fischer zu einer Fischergesellschaft zusammen. Einmal im Jahr kamen Alt- und Jungfischer zusammen, regelten Angelegenheiten ihres Berufsstandes, berieten über die Fischerei, schlichteten Streitigkeiten und ahndeten Verstöße gegen Fangzeiten, Fischereigrenzen oder Geräteordnungen.
Feierlich ging es dabei durchaus zu. Zum alten Zeremoniell gehörte der Willköm, ein gemeinschaftlicher Trinkpokal. Er wurde mit Korn gefüllt und bei der Versammlung beziehungsweise später beim Fischermahl von einem Teilnehmer zum nächsten weitergereicht. Dazu sagte man nicht einfach „Prost“. Es hieß vom Altfischer zuerst: „Eck segge: Mit Gunst!“ Jeder nahm einen Schluck und reichte den Willköm anschließend weiter.
„Mit Gunst“ ist dabei eine alte Ausdrucksweise. Historisch konnte die Wendung ungefähr „mit Erlaubnis“, „mit Zustimmung“ oder „mit Verlaub“ bedeuten. Beim Steinhuder Kreidag war sie sogar mehr als nur ein Trinkspruch. Der Altfischer leitete mit „Eck segge: Mit Gunst!“ immer wieder verschiedene Teile der Versammlung ein. So wurde aus zwei einfachen Worten ein Stück Steinhuder Fischertradition.
Beim späteren Fischermahl des Fischerkreidags, das vor dem Brassenschlag im Traditionslokalal Schweers-Harms-Fischerhus stattfand, lebte dieser Brauch weiter. Der mit Klarem gefüllte Willköm wanderte durch die Runde, begleitet von dem traditionellen Spruch.
Der Fischerkreidag findet heute in seiner früheren Form nicht mehr statt. Der Ausdruck „Mit Gunst“ ist aber als Erinnerung an diese Tradition geblieben.
Und was war dann der Köhm?
Auch der Köhm gehört zur Geschichte des Fischerkreidags, allerdings an anderer Stelle. Am zweiten Festtag zogen die Fischer früher gemeinsam durch Steinhude und machten unter anderem beim Pastor, Küster und Bürgermeister Halt. Dort wurde ihnen nach alter Sitte ein Köhm, also ein Schnaps, gereicht.

Dass es dabei nicht immer vollkommen sittsam zuging, lässt eine kleine Episode aus dem Jahr 1857 erahnen: Die ausgelassene Feierlaune der Fischer führte damals sogar zu einem Konflikt mit dem Steinhuder Mäßigkeitsverein. Tradition und Alkohol hatten offenbar schon damals eine komplizierte Beziehung.
Warum setzen manche ihr Glas nach dem Anstoßen wieder ab?
Wer einmal in Bayern oder in einer größeren Biergesellschaft unterwegs war, kennt vielleicht noch einen anderen Brauch: Anstoßen – Glas oder Krug kurz auf den Tisch – dann erst trinken – warum? Auch dafür existiert keine zweifelsfrei belegte Erklärung, dafür aber gleich mehrere.
Eine Theorie führt den Brauch auf ältere Bierkrüge mit Zinndeckel zurück. Nach dem Anstoßen habe man den Krug kurz abgesetzt, um mit der Hand den Deckel zu öffnen und anschließend trinken zu können.

Eine andere Erklärung knüpft wieder an das kräftige Anstoßen an. Wenn dabei Bier über den Rand schwappte und am Boden des Kruges entlanglief, konnte man ihn kurz auf dem Tisch oder Bierdeckel absetzen, bevor die Tropfen auf Hose oder Tracht landeten.
Und dann gibt es noch eine ganz praktische Erklärung. Eine volle Maß ist kein filigranes Sektglas. Ein Liter Bier zusammen mit einem massiven Krug bringt ordentlich Gewicht auf die Hand. Beim Anstoßen in einer großen Runde möchte man außerdem möglichst vermeiden, dass die eigenen Finger zwischen zwei Maßkrügen geraten. Deshalb kann es sinnvoll sein, den Krug zum Anstoßen anders zu greifen als zum anschließenden Trinken. Kurz absetzen, umgreifen, trinken.
Welche dieser Geschichten tatsächlich am Anfang des Brauchs stand? Das weiß niemand mit Sicherheit. Vielleicht waren es auch mehrere Gründe, die irgendwann zu einer Gewohnheit wurden. Trinkkultur ist schließlich selten das Ergebnis einer sorgfältig protokollierten Sitzung.
Und immer schön in die Augen schauen?
Dann wäre da noch eine der bekanntesten Regeln überhaupt: Beim Anstoßen schaut man seinem Gegenüber in die Augen.
Wer das vergisst, bekommt je nach Runde erstaunlich schnell erklärt, welche dramatischen Konsequenzen angeblich folgen sollen. Die Geschichten reichen von jahrelangem Pech bis zu sieben Jahren ausgesprochen enttäuschender Liebesnächte.
Historische Belege für diesen kosmischen Strafenkatalog sind erwartungsgemäß eher dünn. Trotzdem hat der Augenkontakt einen nachvollziehbaren Sinn: Wer miteinander anstößt, richtet für diesen kurzen Moment seine Aufmerksamkeit auf den anderen. Es ist eine kleine Geste von Respekt und Gemeinsamkeit.
Viele Traditionen haben ihren Sinn verloren oder hatten nie einen und ganz unabhängig von Mittelalter, Zinndeckeln und drohendem Liebespech gilt deshalb weiterhin: Beim Anstoßen schaut man sich in die Augen – Leute, das gehört sich einfach so.
Und wenn man in Steinhude ganz traditionsbewusst sein möchte, darf aus dem gewöhnlichen „Prost“ gelegentlich auch etwas anderes werden:
Mit Gunst!
Die Geschichte vom Bier
Von steinzeitlichen Brauern, babylonischen Schankwirtinnen und hannoverschem Broyhan
Wer das Bier erfunden hat, werden wir vermutlich niemals erfahren. Einen einzelnen genialen Braumeister, der irgendwann feierlich den ersten Krug hob, hat es wahrscheinlich ohnehin nicht gegeben.

Lange nahm man an, dass Bier irgendwann zufällig entstand, als ein Brei oder Brotteig aus Getreide zu lange stehen blieb und zu gären begann. Möglich ist das durchaus. Sicher belegen lässt sich diese hübsche Geschichte allerdings nicht. Inzwischen wissen wir sogar, dass die Geschichte bierähnlicher Getränke wesentlich weiter zurückreicht als die ersten großen Hochkulturen.
Bier vor den ersten Städten
In der Raqefet-Höhle im heutigen Israel fanden Archäologen Spuren eines rund 13.000 Jahre alten vergorenen Getreidegetränks. Die dort lebenden Natufier waren noch Jäger und Sammler. Untersuchungen von Steinmörsern deuten darauf hin, dass sie Getreide keimen ließen, zermahlten und anschließend vergären ließen – wahrscheinlich für gemeinschaftliche oder rituelle Feste.
Damit könnte ein Vorläufer unseres heutigen Bieres sogar älter sein als die Landwirtschaft selbst. Das damalige Getränk darf man sich allerdings nicht wie ein frisch gezapftes Pils vorstellen. Es dürfte eher einem dünnen Getreidebrei oder einer vergorenen Grütze geglichen haben.
Die Sumerer und die Göttin des Bieres
Spätestens im alten Mesopotamien gehörte Bier fest zum Alltag. Bei den Sumerern wurde bereits im 4. Jahrtausend vor Christus Bier gebraut. Es war Nahrungsmittel, Genussmittel, Handelsware und Teil religiöser Zeremonien. Arbeiter konnten Bier als Bestandteil ihrer Rationen erhalten, und selbst die Götter wurden in Geschichten mit dem Getränk in Verbindung gebracht.
Besonders interessant ist Ninkasi, die sumerische Göttin des Bieres und des Brauens. Ein ihr gewidmeter Hymnus wurde etwa um 1800 v. Chr. niedergeschrieben und beschreibt zugleich Teile des damaligen Brauverfahrens.
Auch die Vermutung, dass die ersten Brauer wahrscheinlich Brauerinnen waren, kommt nicht völlig aus dem Nichts. Sowohl in Mesopotamien als auch später in Ägypten war das Brauen im Haushalt eng mit der Arbeit von Frauen verbunden. Erst mit der zunehmenden gewerblichen Produktion wurde das Brauwesen stärker von Männern übernommen.
Dass deshalb eine einzelne vergessliche Hausfrau das Bier erfunden habe, wäre allerdings wieder eine Geschichte mehr als ein historischer Fakt. So großzügig ist die Vergangenheit leider selten mit eindeutigen Antworten.
Hammurabi und die ziemlich strengen Regeln fürs Bier
Auch die Babylonier verstanden etwas vom Bier – und von Vorschriften. Im berühmten Gesetzeskodex des Königs Hammurabi aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. finden sich tatsächlich Bestimmungen über Schankwirtschaften, Preise und den Ausschank von Bier. Mit einem „ersten Reinheitsgebot“ hatte das jedoch nichts zu tun.
Eine häufig erzählte Geschichte behauptet, Bierpanscher seien mit ihrem eigenen Bier übergossen worden, bis sie darin ertranken. So steht es in Hammurabis Gesetz nicht. Die tatsächlichen Vorschriften waren allerdings kaum gemütlicher: Eine Schankwirtin, die ihre Kunden bei der Bezahlung beziehungsweise beim Maß betrog, konnte nach einer der überlieferten Gesetzesfassungen ins Wasser geworfen werden. Auch für Schankwirtinnen, die Verschwörer beherbergten und diese nicht den Behörden auslieferten, waren drakonische Strafen vorgesehen. Die Babylonier hatten also durchaus Regeln fürs Bier. Nur ein Reinheitsgebot waren sie nicht.
Bier im alten Ägypten
Auch im alten Ägypten war Bier alles andere als ein seltenes Genussmittel. Es gehörte zur täglichen Ernährung und wurde von Männern, Frauen und Kindern konsumiert. Gerade das damalige Bier war zugleich ein kalorien- und nährstoffreiches Lebensmittel.
Besonders eng waren Brot und Bier miteinander verbunden. Bei staatlichen Arbeitsprojekten wurden beide als Rationen ausgegeben.
Hier muss allerdings mit einer alten Vorstellung aufgeräumt werden: Die Arbeiter, die die großen Pyramiden von Gizeh errichteten, waren nach heutigem Forschungsstand nicht einfach Heerscharen versklavter Menschen, wie es Filme gern darstellen. Archäologische Funde zeigen organisierte Arbeitersiedlungen mit Handwerkern und Arbeitsgruppen, die unter anderem mit Brot, Fleisch und Bier versorgt wurden.
Dass sie durch reichlich Bier fröhlicher wurden und deshalb begeistert Pyramidenblöcke schleppten, gehört dagegen eher in die Abteilung der Geschichten, die vermutlich beim Erzählen mit jedem Bier besser werden.
Getreide, Alkohol und Bier rund um die Welt
Die Idee, aus Getreide ein vergorenes Getränk herzustellen, entstand keineswegs nur im Vorderen Orient. Im chinesischen Jiahu wurden Rückstände eines rund 9.000 Jahre alten alkoholischen Getränks gefunden. Es bestand aus einer Mischung aus Reis, Honig und Früchten. Von einem reinen „Reisbier“ zu sprechen wäre deshalb zu einfach, aber es zeigt, wie früh auch in Ostasien mit Getreide und Fermentation gearbeitet wurde.
Auch in den Anden entwickelten sich eigene Biertraditionen. Aus Mais wurde Chicha hergestellt. Archäologische Funde aus Peru zeigen sogar große Brauereianlagen der Wari-Kultur, in denen zwischen etwa 600 und 1050 n. Chr. erhebliche Mengen für gemeinschaftliche Feste produziert wurden.
Und selbst die Griechen, die meist viel stärker mit Wein verbunden werden, haben Bier keineswegs vollständig verschmäht. Archäologische Funde aus Griechenland zeigen, dass bereits während der Bronzezeit Getreide vermälzt und wahrscheinlich Bier gebraut wurde. Wein gewann zwar kulturell eine wesentlich größere Bedeutung, doch die Behauptung, die Griechen hätten Bier grundsätzlich abgelehnt oder die Spartaner hätten es generell verboten, lässt sich so nicht halten.
Das Bier der Germanen
Bei den Germanen wird die Quellenlage wieder etwas vertrauter. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus beschreibt um das Jahr 98 n. Chr. ein Getränk, das aus Gerste oder Weizen hergestellt und durch Gärung in etwas verwandelt wurde, das er mit Wein verglich. Mit anderen Worten: Bier.
Tacitus berichtet außerdem von ausgedehnten Trinkgelagen und davon, dass bei solchen Zusammenkünften teilweise sogar wichtige Angelegenheiten besprochen wurden. Am nächsten Tag habe man die Entscheidungen dann noch einmal nüchtern betrachtet.
Vielleicht eines der frühesten überlieferten Modelle für die Erkenntnis, dass nicht jede Idee, die nachts am Tisch hervorragend klingt, am nächsten Morgen noch dieselbe Qualität besitzt.
Die gern erzählte Vorstellung, die Germanen hätten die Wolken als gewaltigen Braukessel des Gottes Thor betrachtet und den Regen für „Wolkenbier“ gehalten, würde ich dagegen nicht als historische Tatsache übernehmen. Dafür fehlt eine überzeugende antike Quelle.
Vom mittelalterlichen Brauen zum Reinheitsgebot
Im europäischen Mittelalter wurde das Brauen zunehmend professioneller. Haushalte, Städte, Klöster und später gewerbliche Brauer entwickelten eigene Traditionen und Rezepte. Hopfen setzte sich nach und nach als wichtige Zutat durch. Er verlieh dem Bier nicht nur seine charakteristische Bitterkeit, sondern verbesserte auch seine Haltbarkeit.
Eine der bekanntesten Vorschriften der Biergeschichte entstand schließlich am 23. April 1516 im Herzogtum Bayern. Die entsprechende Landesordnung bestimmte für Bier die Verwendung von Gerste, Hopfen und Wasser. Hefe wurde darin nicht genannt, weil ihre biologische Funktion bei der Gärung damals noch nicht verstanden wurde.
Auch hier lohnt sich etwas historische Genauigkeit: Der Ausdruck „Reinheitsgebot“ entstand erst Anfang des 20. Jahrhunderts, und Vorschriften über Bier und seine Zutaten hatte es auch andernorts schon früher gegeben.
1526: Biergeschichte direkt vor unserer Haustür
Nur zehn Jahre nach der bayerischen Landesordnung wurde Biergeschichte auch in unserer Region geschrieben. Am 31. Mai 1526 soll der aus dem Raum Hannover stammende Brauer Cord beziehungsweise Conrad Broyhan erstmals sein später berühmtes Broyhanbier gebraut haben.
Das helle, obergärige und nur schwach oder gar nicht gehopfte Bier unterschied sich deutlich von vielen dunkleren Bieren seiner Zeit. Es wurde ein großer wirtschaftlicher Erfolg und entwickelte sich zu einem wichtigen Exportprodukt Hannovers. Der Erfolg war so groß, dass sich die hannoverschen Brauberechtigten 1546 in der Brauergilde zusammenschlossen. Der sogenannte Broyhan-Taler wurde zu ihrem Gütezeichen und ist bis heute Bestandteil der hannoverschen Brautradition. Ein Stück davon lebt sogar in einem Getränk weiter, das bis heute untrennbar zu Hannover gehört: der Lüttjen Lage. Dabei werden ein kleines Glas Bier und ein Glas Korn gleichzeitig aus einer Hand getrunken. Für Einheimische eine Tradition. Für Ungeübte gelegentlich eine überraschend effektive Methode, Hemd und Hose gleichzeitig zu tränken.
Als die Wissenschaft in den Braukessel schaute
Jahrtausendelang konnten Menschen hervorragendes Bier brauen, ohne genau zu wissen, warum die Gärung eigentlich funktioniert. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Der französische Wissenschaftler Louis Pasteur zeigte ab den 1850er-Jahren, dass Mikroorganismen für die alkoholische Gärung verantwortlich sind. Seine Arbeiten halfen Brauereien, Gärprozesse besser zu kontrollieren und unerwünschte Mikroorganismen zu bekämpfen. 1871 ließ Pasteur außerdem ein Verfahren zur besseren Haltbarkeit von Bier patentieren. Seine Forschung über Fermentation und Pasteurisierung veränderte die moderne Lebensmittel- und Brauereiwirtschaft grundlegend.
Vom Getreidebrei zum frisch gezapften Bier
Zwischen dem rund 13.000 Jahre alten vergorenen Getreidebrei aus einer Höhle im heutigen Israel und einem frisch gezapften Bier liegen Welten. Und trotzdem beruhen beide auf derselben erstaunlichen Entdeckung: Getreide, Wasser und Mikroorganismen können gemeinsam etwas hervorbringen, das Menschen offenbar schon seit Jahrtausenden nur ungern wieder aus der Hand geben.
Bier war Nahrung, Zahlungsmittel, Opfergabe, Alltagsgetränk, Handelsware und Anlass für Geselligkeit. Könige erließen Gesetze darüber, Götter wurden dafür zuständig erklärt, Städte verdienten daran Vermögen und Wissenschaftler machten aus jahrtausendealter Erfahrung einen kontrollierbaren Prozess.
Wer heute am Steinhuder Meer ein Bier bestellt, setzt damit also – zumindest im allerweitesten Sinne – eine Tradition fort, deren Anfänge älter sind als die ersten Städte der Menschheit. Zum Glück sind die Rezepte inzwischen ein wenig ausgereifter.
